Hoppelpoppel oder Jean Pauls Zauberland

Franzobels Jean Paul-Jubiläumsstück

„Wenn du glaubst, ich bin eine von dir erfundene Figur, bist du auf dem Holzweg.“ Die dies sagt, in einem neuen Stück, einem Theaterstück, das sich um einen Autor dreht, der nie ein Theaterstück schrieb, ist Jean Pauls Mutter. Man konnte ihn hören, als es im Sommer 2025 in Wunsiedel uraufgeführt wurde: zu Ehren eines Dichters, der dem kleinen Ort im Fichtelgebirge den Sprung in die Weltliteratur verschaffte; der andere bekannte Mann aus Wunsiedel, Sand, hat sich dagegen nicht durch kreative Texte, sondern eine zerstörerische Tat unsterblich gemacht, als er den seinerzeit äußerst populären und gleichzeitig politisch verhassten Dichter und russischen Agenten August von Kotzebue ermordete – und auch er taucht, durchaus nicht nebenbei, in Franzobels Hoppelpoppel oder Jean Pauls Zauberland auf.

2025 jährte sich der 200. Todestag des Dichters, der einst für die dann so genannte Luisenburg ein Festspiel zu Ehren der preußischen Königin Luise gedichtet hatte. Dass ein österreichischer und nicht ein deutscher Autor sich des Jubilars annahm, um eine „Schauspielrevue“ zu entwerfen, die, wie Österreichs großer Märchentragikomödiendichter Raimund gesagt hätte, ein Kind der Fantasie ist, kann nur als Glücksfall bezeichnet werden. Denn Franzobel interessiert sich nicht für biographische Daten (auch wenn sie zitiert werden), sondern für das, was unter der Hirnschale des Riesen (wie Jean Paul das genannt hätte) immer noch möglich ist: die Imagination eines zweiten Ichs in Form eines Doppelgängertums, wie es der Dichter mehr als einmal in seine Romane, Erzählungen und sonstigen Texte brachte. So treten sie beide auf: der alte Jean Paul, „zunehmend kauzig, leicht verfettet“, und der junge Richter, „idealistisch, visionär, schlank“. Wer 2025 in der Freilichtbühne der Luisenburg nicht dabei war, muss sich nicht grämen – und dies nicht, weil das Stück unter Niveau wäre; historistische Dramen / Romane / Erzählungen leiden ja meist furchtbar und literaturfeindlich wie fantasietötend unter dem Zwiespalt von reportierter Geschichte und freiem Funkenflug des dramatischen Geistes. Auch bei Franzobel merken wir manchmal, dass er sich, ob er will oder nicht, an den Daten abgearbeitet hat, die ihm die Jean-Paul-Biographik zur Verfügung gestellt hat, aber meist hat der glückliche Leser doch den Eindruck, dass es im Hoppelpoppel, einem wilden Gericht, nicht mit jenen rechten Dingen zugeht, die Historiendramen auszuzeichnen pflegt. Da darf der alte Jean Paul sich im jungen Richter wieder begegnen, um auf ewigen Nachruhm zu verzichten; dass Jean Paul zu den schwierigsten, daher auch ungelesensten „Klassikern“ der deutschen Literatur gehört, dürfte bekannt sein. Also schickt der Autor seine Protagonisten auf eine Lebensreise, die nicht zuletzt von einem reizenden Terzett von drei Grazien akzentuiert und konterkariert wird. Sie heißen Bianca, Phöbe und Phädra und sind laut Personenzettel Schauspielerinnen, die Jean Pauls und Richters Theaterleben beständig kommentieren. In Wirklichkeit sind sie Gestalten, wie von Jean Paul selbst erfunden. Am Ende sitzt „der letzte Jean-Paul-Leser“, wie zu Beginn, einsam auf der Bühne, um den typisch jeanpaulschen wie langen Schlusstraum aus den Flegeljahren komplett zu rezitieren.

Die Szene ist, zumindest für unvorbereitete Leser, die den Dichter noch nicht kennen, eine Zumutung, aber so ist eben der originale Jean Paul: ein wenig hypertroph, extrem gefühlig, bilderstark und empfindsam bis zum Gehtnichtmehr, ein Weg ins Innere, auch ins Innere einer Sprache, die man einmal „romantisch“ genannt hat – bevor sich der Traum in den perfekten Abschluss des Romanfragments ergießt. Was zwischen den zwei Rezitationen sich bewegt, ist höherer Spuk, ätzender und selbstkritischer Spott über das Dichtertum und die Dichterliebhaberinnen, über Wunsiedel in der Weltgeschichte, kleinbürgerliche Verhältnisse und große Träume, mit Goethe, Schlegel und der Rollwenzelin, mit Gattin Karoline und den Damen einer „Erotischen Akademie“, mit hohen Herrschaften und niederen Trinkern, mit frühem Elend und spätem Lieben. Franzobel hat seine Motive zu einem Jean-Paul-Ragout verarbeitet – keinem Omelett mit Bratkartoffeln wie das echte Hoppelpoppel, das aus Karoline Richters Berliner Heimat stammt, sondern einem köstlichen Mischgericht aus ununterscheidbarer Dichtung und Wahrheit. Es sollte von nun an ins Kochbuch der literarischen Dichterlebenzubereitung (natürlich ohne das Jean-Paulsche Fugen-S) aufgenommen werden.

Franzobel: Hoppelpoppel oder Jean Pauls Zauberland. Eine Schauspielrevue. Edition Melos, Wien 2025. 94 Seiten. 14 Euro.

Frank Piontek