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Eine psychosoziale Senta

Richard WagnerEine psychosoziale Senta

Der Fliegende Holländer in der Deutschen Oper am Rhein

Wenn die sogenannten Spinnerinnen quasi kollektiv auf ihren Handys herumscrollen, läuft gerade die EM.

Seltsamer Zufall: als Der fliegende Holländer vor zwei Jahren am Duisburger Theater herauskam, scheint man schon gewusst zu haben, dass gleichzeitig mit der Düsseldorfer Premiere der Inszenierung von Richard Wagners Sturm-Stück die Fußballfans und -spieler in die Altstadt einfallen würden. Während die Fans auf der Bühne buchstäblich ihre „Mannschaft“ bejubeln, ziehen die Deutschen, Schotten und Ukrainer feuchtfröhlich durch die Gassen. Nur eine fehlt im allgemeinen Taumel: Senta. Sie spinnt wirklich.

Es ist eine durchaus kluge Idee, die Außenseiterin, die Andere, als junge Frau zu zeigen, die sich zwar ihr kindliches Gemüt bewahrt hat, aber bei den Spielen ihrer Altersgenossen außen vor zu lassen. Vasily Barkhatov nähert sich, die Geschichte ausdrücklich aus der Perspektive der weiblichen Hauptrolle erzählend, der Figur, indem er sie einerseits Ernst nimmt, andererseits ihren Traum vom bleichen Mann als das zeigt, was er heute nur sein kann: eine Projektion. Die Dramaturgin Anna Grundmeier spricht von einer „psychosozialen Beziehung“, wie sie heute gelegentlich begegnet. Da imaginieren sich meist junge Frauen eine Freundschaft oder Liebe zu einem „Star“, die die Defizite des „normalen“ Lebens ausgleichen muss. Diese Senta hat sich, das sehen wir während der Ouvertüre, in frühester Jugend in die fiktive Filmfigur des Fliegenden Holländers verliebt, die sie nicht mehr loslässt. Immer wieder besucht sie das Kino, immer wieder beschwört sie ihr zutiefst persönliches Bild vom „unerlösten“ Mann – bis der Herr Papa auf die Idee kommt, den „Kammerschauspieler“ einzuladen, um die vom Fantasiebild abhängige Tochter in einer Art Konfrontationstherapie vom Holländer zu erlösen. Allein die Sache erleidet Schiffbruch. Zwar decouvriert sich der Schauspieler, den sein Einsatz sichtlich anödet, schließlich als der, der er ist, doch am Ende wird die Frau sich, dem Traumbild treu, „bis zum Tod“ in das Kino zurückziehen, wo sie bis zu ihrem letzten Tag, immer und immer wieder, den Pelzmantel der Filmfigur wie zum Schutz vor der Wirklichkeit in den Armen, den Streifen anschauen wird.

Zugegeben: mit Wagners Erlösungswahn und Frauenideologie hat der Düsseldorfer Holländer auf den ersten Blick wenig zu tun. Gleichwohl ist es verblüffend, wie genau – und uns Heutige überzeugend, worauf‘s letzten Endes ankommt – sich Wagners Handlung mit der Deutung zusammenbringen lässt, die „im Licht unserer Erfahrung“ (Thomas Mann) wesentlich mehr Sinn macht als irgendein Beharren auf eine romantische Spuk-Konstellation. Ein bissl Abschliff ist freilich immer, aber es ist, obwohl sich ein Matrosenchor nicht umstandslos auf eine Fußballfangemeinde herunterbrechen lässt, wenigstens witzig, in der „Mannschaft“ die der kickenden Nationalhelden zu erblicken. Freilich geht, das ist der Preis, die Konfrontation mit dem Gespensterchor in dieser Deutung verloren, natürlich auch die Dämonie des „Holländers“. Statt die gegnerischen Gewalten brutal und horrormäßig aufeinander stoßen zu lassen, singt der Gespensterchor allein in Sentas Kopf (und kommt demgemäß vom Band). Dafür überschwemmt uns ein unverzichtbares Holländer-Element, das in vielen Neu-Inszenierungen schlicht und einfach nicht mehr vorkommt: das Meer. Es ist grandios, zumal im ersten Akt, dem Traum-Akt, den schweren Seegang zu sehen, der sich über die wie Wellen auf- und abflutenden Kinostuhlreihen ergießt.

Nein, diese Frau ist nicht zu retten, während der „Holländer“ schon deshalb nicht „erlöst“ werden muss, weil er eh nur eine Erfindung (hier der Filmindustrie) ist. Wem diese Interpretation des Stoffs – im Übrigen nur eine von vielen Holländer-Deutungen, die seit 1791 in der Welt sind – zu banal erscheint, bekommt wenigstens ein paar beeindruckend kolportagehafte wie „werktreue“ Bilder des „Helden“ geschenkt – und der heißt in Düsseldorf Michael Volle. Einst stand er am Rhein im Ensemble, nun kehrt er mit seiner Frau zurück, die, es hat etwas Bewegendes, die Frau spielt, die dem Mann ewige Treue schwört. Der Düsseldofer Holländer ist, in seiner fiktiven Gestalt, das Abziehbild eines wilden, eisbärtigen Käptns, Senta eine eigensinnig starke, nichtkonformistische Frau, die dem Zuschauer am Ende indes nur leid tun kann. Ach, hätte sie doch das 7. Kapitel der Memoiren des Herrn von Schnabelewopski des Geburts-Düsseldorfers Harry Heine gelesen, das Wagner als unmittelbare Quelle für seine Oper diente. Sie würde verstehen, dass sie sich in Acht nehmen müsste, „keinen Fliegenden Holländer zu heuraten“ – nicht einmal im Traum. Aber da Michael Volle und Gabriele Scherer das seltsame Paar singen, sind wir‘s zufrieden, denn Volle füllt die Partie mit seinem starken Bassbariton so heldenhaft leidend wie klar artikulierend aus, dass es eine wahre Freud‘ ist, und Gabriele Scherer singt eine empfindsam-glühende Frau mit reizend flackernden Höhen, einem angenehmen Stimmklang und einer dramatischen Mittellage, dass die Rolle, auch in dieser Deutung, stets so interessant bleibt wie der ganze Abend eminent kurzweilig daherkommt.

Dies auch, weil der GMD Axel Kober die Düsseldorfer Symphoniker mit Verve wie mit Rücksicht auf die Sänger durch die Produktion führt. Es tost und rauscht, es wellt und pfeift – und die lyrischen wie quasi biedermeierlich beschwingten Passagen brechen und schmeicheln sich ins Ohr hinein. Nicht allein das Duett, das keines ist, ist wunderbar. Man spielt die zweite Fassung, die mit dem harfenden „Erlösungs“-Schluss, auch wenn „Erlösung“ hier nur heißen kann, dass die psychosozial gestörte Frau ihrem Traum bis in alle Ewigkeit treu sein wird. Das Ensemble der Deutschen Oper ist auch sonst von großer vokaler wie ausdrucksmäßiger Güte: hier müssen der Daland des erstrangigen Bogdan Taloș Anna Harveys Mary (die auch in dieser Inszenierung Sentas Mutter zu sein scheint) und David Fischers Steuermann genannt werden, nicht zuletzt auch der Chor, der unter der Leitung von P.F. Chestnut vielfältige Bewegung ins Haus bringt. Wie gesagt: mit einem kaum zu vermeidenden Abschliff an den Informationen des Textbuchs, doch unter dem berühmten Strich als Gesamtleistung von Musik und Szene, Deutung und Darstellung, notwendiger Interpretation und musiktheatralischer Kraftentfaltung.

In einer möglichen EM aktueller Holländer-Spiele hätte die Düsseldorfer Produktion also gute Chancen, sich weit ins Feld vorzuarbeiten.

Frank Piontek

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